Surf my Soul – Was mich das Surfen über mich und über Yoga lehrte

Feelings are much like waves, we can’t control them, but we can choose which one to surf.

Wasser fasziniert mich schon immer sehr und zieht mich an. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es war immer so. Meine Familie stammt ursprünglich von der Küste. Leben tut da nur schon lange keiner mehr. Wir sind Landratten. Und trotzdem ist sie immer da: Die Sehnsucht nach immer meer …

Ich kann stundenlang aufs Wasser starren. Muss es manchmal sogar. Es beruhigt mich. Klärt meine Gedanken. Gibt mir Energie. Und bringt irgendwie alles wieder in den Fluss. Wahrscheinlich weil es in der Natur des Wassers liegt. Es fließt. Wasser kommt und geht. Es gibt nie einen Stillstand. Die Natur ist schon der Hammer. Da Leipzig nicht am Meer liegt, starre ich hier oft auf unsere umliegenden Seen. Das geht schon auch. Wären da nicht immer auch gleich unzählige andere Sonnenhungrige und Frischluftfanatiker mit Kühltaschen und mobilen Musikanlagen. Schon verrückt: Sind wir am See, machen wir laute Musik an, sind wir zu Hause und wollen entspannen, machen wir uns Naturgeräusche an. Aber das ist ein anderes Thema.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Faszination Wasser war schon immer. Ist immer noch da. Und wird wohl immer bleiben. Sport auf dem Wasser fand ich auch immer irgendwie cool. Mich fand ich lange Zeit aber nicht cool genug dafür. Ob ich heute cool genug dafür bin, weiß ich nicht, aber es ist mir egal. Irgendwann spielte mir der aufkommende Trend Wassersport + Yoga ganz gut in die Karten. Auf einmal kamen die Wassersportler auf uns Yogis zu um ihre Segel- und Surfskills durch Yoga zu verbessern. Ganz nebenbei öffnete mir das die Welt aufs Brett und ins Boot. Ich machte erst einen Windsurfschein, später einen Segelschein … Ich liebte es. Für mich gibt es nichts, was mich so aus dem Alltag und ins Hier und Jetzt holt, wie Wassersport. Trotzdem führen der Wassersport und ich eine sehr komplizierte Beziehung. Zu wenig Zeit. Zu viel Angst. Zu viele Bedingungen, die wir beide nicht immer erfüllen können. 2017 beschloss ich, dass wir nun an unserer Beziehung arbeiten. Das klappte auch zum Teil. Seit letztem Jahr unterrichte ich SUP Yoga auf dem Markkleeberger See. Das ist schon mal sehr viel mehr Wassersport als Yoga im Studio auf einer Matte. Eh ich mich versah, war 2017 vorbei und die Beziehung zum Wassersport ging durch die nächste Kriese. Zu wenig Zeit. Aber neues Jahr, neues Glück. 2018, so sagen es sämtliche Horoskope, wird das Jahr der Liebe. Für mich das Jahr der Liebe zum Wassersport. Und so plante ich meine erste Surfreise. Ob ich in einer Woche Wellenreiten lernen konnte, bezweifelte ich direkt, aber darum ging es mir ja auch gar nicht. Ich kann ziemlich viel ziemlich gut. Wellenreiten muss ich nicht perfekt können. Ich lernte in dieser einen Wochen trotzdem unglaublich viel. Übers Surfen, über mich, über mein Yogaweg und über mein Leben. Klar lernte ich zu paddeln und auf dem Brett zu stehen, ich lernte viel über Wellen, über das Meer und über die Natur … und stand am Ende der Woche für den Bruchteil einer Sekunde sicher in Fotopose auf dem Surfbrett im Weißwasser. Die Fotopose hielt nur leider niemand fest. Auch nicht schlimm. Surfweltmeisterin werde ich sicher nicht mehr, aber ich habe Spaß dabei und lernte vor allem so viel mehr als surfen.

Direkt am ersten Tag lief es perfekt für mich. „Nelly, you are really feeling the ocean!“ rief mir mein Surflehrer Justin zu. Na ja, so sah es vielleicht aus, aber ich fühlte noch nicht so wirklich viel. Ich war froh, dass ich meinen Körper aus dem kalten Wasser auf das Brett manövrieren konnte, dank meiner Surf Yoga Vorbereitung und vielleicht auch körperlichen Grundfitness, ohne große Anstrengung durchs Wasser paddeln konnte und mich in diesem ungewohnten Terrain überhaupt behaupten konnte. Justin meinte schnell, dass ich doch trotz viel Welle und sehr viel Wind und meinen ersten Minuten als angehendes Surfer Girl, mal aufstehen sollte. Er hilft mir. Ich will aber eigentlich gar nicht. Aber ok. Dann versuchen wir es eben gemeinsam. Der Wind kam, das Brett wollte gehen und schlug mit voller Wucht in mein Gesicht. Urlaubsziel Knutschen erfüllt. Nur irgendwie anders als gedacht. Brett geknuscht. Es blieben botoxartige Lippen und Angst. Angst, dass es mir noch mal passiert. Dass mir beim nächsten Mal nicht nur die Lippe aufgeschlagen wird, sondern gleich der ganze Schädel. Also verbrachte ich auch viel Zeit neben meinem Brett im Wasser, schwimmend und zuschauend am Strand. Und mir fiel auf, wie sehr ich Angst habe, mich zu verletzen. Aber nicht wegen der eigentlichen Verletzung, sondern wegen der Folgen für meinen Job. Wegen meiner Teilnehmer. Wenn ich mich verletzte, könnte ich ausfallen. Mein Studio müsste zu bleiben. Ich würde meine Teilnehmer enttäuschen. Aber vielleicht würde ich mich ja auch nicht verletzen und einfach Spaß haben? Mir fiel auf, wie sehr mich mein Job, mein Glückskind und mein Pflichtbewusstsein davon abhält, den Moment zu genießen. Und eigentlich ist es das, was man im Yoga doch immer erzielen will. Im Hier und Jetzt sein. Also: Zurück aufs Brett und weiter geht es. Zwar mit sehr viel mehr Respekt und sehr vorsichtig, aber mit sehr viel weniger Angst und reicher um die Erkenntnis, dass ich Yoga auch auf und im Wasser leben muss.

Ich schaute mir die Wellen an, die anderen Surfer und lernte auf mich zu hören. Wenn mir einer der Surflehrer zurief: „Welle kommt!“, hieß das für mich manchmal noch nicht gleich, dass es sich für mich auch richtig anfühlte. Wenn ich es dennoch versuchte, weil ich ja angeblich die Wellen so fühlte und ich glaubte, dass es von mir so verlangt wurde, zeigte mir die Natur direkt die rote Karte durch eine ordentliche Durchspülung. Danach war ich dann wieder klar. Ok. Wenn du dich nicht bereit fühlst, warte auf die nächste Welle. Und nur weil dich die letzte Welle durchgespült hat, heißt es nicht, dass es die nächste wieder tun wird. „Du musst den Kopf mehr ausschalten und loslassen. Du hast top Voraussetzungen und stehst dir selbst im Weg“ sagte mir Surflehrer Nummer 2 mit Namen Johnny (alle Klischees werden hier eben erfüllt). Er hat so recht. Ohne zu wissen wer ich bin, was ich bin und wie ich bin. Wahrscheinlich sagt er es jeder ängstlichen Surfer Girl Anwärterin. Ich fühle mich trotzdem ganz individuell angesprochen. Ich denke zu viel an den Schmerz durch meine Brettknutsch-Erfahrung am ersten Tag und unweigerlich spielt mein Kopf alle Szenarien durch, was es für die Zukunft für mich (und nahezu die gesamte Menschheit) bedeutet, wenn ich die Erfahrung so oder sogar schlimmer noch einmal machen muss. Total bescheuert. Verpasse ich dadurch nicht vielleicht die perfekte Welle? Ja das tue ich und ich weiß es. Auch ohne Johnny. Aber ich denke mal wieder drüber nach. Was du ein Leben lang tust, legst du nicht nach 7 Tagen in Spanien ab. Auch wenn ich in Momenten am Meer meistens denke, dass ich alles schaffen kann und werde.

Was mich an Wassersport und das Leben am Wasser schon immer begeistert ist die Perspektive auf die Dinge. Zum Beispiel wird ein strahlender Sonnenschein zur Wetternebensache, wenn wir mit Brettern im Schlepptau am Strand stehen und auf Wellen warten. Hier lehrt dich aber auch die Natur, dass du nie wirklich planen kannst. Zumindest nicht am Atlantik. Und wenn eben keine Wellen da sind, hau dich in die Sonne und genieß die Auszeit. Schließlich ist Urlaub und in Deutschland beschweren sich alle über die Rückkehr des Winters. Wenn hingegen Regen aufzieht, heißt das nicht, dass du nicht Surfen kannst. Nur weil im Film und bei Instgram alle immer nur bei strahlendem Sonnenschein surfen, heißt es nicht, dass es bei anderen Bedingungen nicht auch wunderschön sein kann. Und trotzdem freuen sich alle, wenn sich die Sonne zeigt. Man muss die Dinge einfach annehmen, wie sie sind. Nach jedem Sturm, kehrt Ruhe ein. Nach jeder Flaute kommt irgendwann auch wieder Wind, Welle oder was auch immer gerade fehlte. Viele Kalendersprüche passen hier einfach und sie verlieren erst an Kitschwert, wenn du sie erlebst.

Neben Surfen ging es auf dieser Reise auch um Yoga. Klar, wenn man eine Surf- und Yoga-Reise bucht. Der Yogastil war ganz anders als ich es unterrichte und auch sonst für mich praktiziere. Und es war auch anders, als ich es mir nach der Beschreibung vorgestellt hatte. Anderen Teilnehmerinnen ging es ähnlich. Und hier merkte ich, wie weit ich schon gewachsen bin. Hätte ich mich vor Jahren noch aufgeregt, ließ ich hier los und ließ mich komplett auf das Neue und Andere ein. Es war großartig und es waren wunderschöne Yogastunden. Ich stelle fest, dass ich auf meinem Yogaweg schon sehr weit gekommen bin. Für mich. Ohne wilde Instgram-Yoga-Posen in heißen Outfits.

Am Ender meiner Surf- und Yoga-Reise bin ich kein (viel) besserer Mensch, sicherlich kein Super Surfer Girl, aber habe immer noch Lust auf so viel meer …

Bis es wieder ans Meer geht, vergnüge ich mich erst einmal an unseren Seen. Wellenreiten finde ich immer noch verdammt cool, aber Wassersport mit Wind oder ohne Wasse finde ich irgendwie passender für mich. Irgendwie ist hier alles mehr im Flow. Oder ich habe das mit dem Wellenreiten noch nicht kapiert. Nach einer Woche wäre das auch nicht schlimm. Der nächste Surf-Urlaub ist schon in Planung. Und bis dahin warte ich nicht, bis der Ausflugsdampfer auf dem Markkleeberger See genug Wellen zum Wellenreiten verursacht und freue mich auf SUP Yoga und all die anderen Wassersportmöglichkeiten, die wir hier in und um Leipzig haben. Und bis es am und im Wasser zu warm genug ist, bleibe ich beim Surf Yoga auf meinem Yogaboard ohne Wind und mit kontrollierten Wellen …

Aloha und Namasté

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